Die Miraç-Nacht ist eine jedes Jahr begangene Festnacht, mit der an die gesegnete Nacht erinnert wird, in der der Prophet Muhammad (s.a.v.) von der Masjid al-Haram zur Masjid al-Aqsa und von dort in die sieben Himmel aufstieg, um Allah, den Allmächtigen, zu treffen. Auf dieser Reise, die als eines der größten Wunder der islamischen Geschichte gilt, wurde der Umma des Propheten Mohammed das Gebet als Pflicht auferlegt und die frohe Botschaft der Fürsprache verkündet. In diesem Leitfaden werden die Bedeutung des Miraç-Kandils, die religiösen Belege, die zu verrichtenden Gottesdienste und die zu rezitierenden Gebete behandelt.

Was ist der Miraç-Kandil?
„Miraç“ bedeutet im Arabischen „aufsteigen“ und „Treppe“. In der religiösen Literatur bezeichnet dieser Begriff die Gesamtheit der Ereignisse von Isrâ und Miraç: Isrâ beschreibt die Reise des Propheten Muhammad (s.a.v.) von der Masjid al-Haram zur Masjid al-Aqsa in Jerusalem, während Miraç seinen Aufstieg von dort zu den himmlischen Sphären bezeichnet. Diese göttliche Reise, die sich etwa ein Jahr vor der Hidschra in der Nacht vom 26. auf den 27. des Monats Rajab ereignete, ist ein einzigartiges Wunder, das unser Prophet (Friede sei mit ihm) sowohl mit seinem Geist als auch mit seinem Körper erlebte und das die Grenzen von Zeit und Raum überschritt.
Nach Ansicht der großen Mehrheit der islamischen Gelehrten fand der Mi’raj nicht im Schlaf, sondern im Wachzustand statt. Diese Ansicht stützt sich sowohl auf den Ausdruck „seinen Diener hinführte“ im Koran als auch auf zahlreiche authentische Hadithe.
Die Belege für den Mi’raj im Koran und in den Hadithen
Die grundlegendste koranische Grundlage für das Ereignis des Mi’raj ist der erste Vers der Sure al-Isra’:
سُبْحَانَ الَّذِي أَسْرَى بِعَبْدِهِ لَيْلًا مِنَ الْمَسْجِدِ الْحَرَامِ إِلَى الْمَسْجِدِ الْأَقْصَا الَّذِي بَارَكْنَا حَوْلَهُ لِنُرِيَهُ مِنْ آيَاتِنَا إِنَّهُ هُوَ السَّمِيعُ الْبَصِيرُLautung: „Gepriesen sei Der, Der Seinen Diener bei Nacht von der Al-Masjid al-Haram zur Al-Masjid al-Aqsa führte, deren Umgebung Wir gesegnet haben, um ihm von Unseren Zeichen zu zeigen; wahrlich, Er ist der Allhörende, der Allsehende.“
Übersetzung: „Gepriesen sei Allah, Der Seinen Diener in einer Nacht von der Heiligen Moschee zur Fernen Moschee führte, deren Umgebung Wir gesegnet haben, damit Wir ihm einige Unserer Zeichen zeigen. Wahrlich, Er ist der Allhörende, der Allsehende.“ (Al-Isra, 17/1)
Das Ereignis des Mi’raj wird in zahlreichen zuverlässigen Hadith-Sammlungen, allen voran im Sahih al-Bukhari und im Sahih Muslim, ausführlich überliefert. Islamische Gelehrte sind nach Auswertung dieser Überlieferungen zu dem Schluss gekommen, dass der Mi’raj im wachen Zustand und körperlich stattfand. Ausführliche Hadith-Überlieferungen dazu finden sich im Abschnitt über das Gebet im Sahih al-Bukhari.
Wie verlief die Mi’raj-Reise unseres Propheten (s.a.v.)?
Das Miraç-Ereignis besteht aus aufeinanderfolgenden Phasen. In islamischen Quellen wird der Verlauf dieser Reise wie folgt beschrieben:
Vorbereitung: Das Waschen der Brust mit Zemzem
Vor der Reise öffnete der Engel Gabriel (a.s.) die Brust unseres Propheten (s.a.v.), wusch sein Herz mit Zemzem-Wasser und erfüllte es anschließend mit Weisheit, Wissen und Glauben. Dieses Ereignis symbolisiert, dass die Propheten vor jeder großen göttlichen Aufgabe eine spirituelle Läuterung durchlaufen.
Al-Isra: Die Reise nach Jerusalem auf dem Burak
Unser Prophet (Friede sei mit ihm), der sich auf einem strahlenden und schnellen Reittier namens Burak auf den Weg gemacht hatte, erreichte die Al-Aqsa-Moschee. Dort leitete er das Gebet und fungierte dabei als Imam für alle Propheten, die vor ihm gelebt hatten. Dies ist ein symbolischer Ausdruck dafür, dass der Prophet Muhammad (s.a.v.) der letzte und ehrenvollste aller Propheten ist.
Die Ebenen des Himmels: Begegnungen mit den Propheten
Unser Prophet (s.a.v.), der durch eine Himmelfahrt, die von der Al-Aqsa-Moschee aus begann, in die sieben Himmel aufstieg, begegnete auf jeder Ebene einem Propheten. Auf der ersten Ebene traf er auf Adam (Friede sei mit ihm), auf der zweiten Ebene auf Johannes (Friede sei mit ihm) und Jesus (Friede sei mit ihm), auf der dritten Ebene auf Josef (Friede sei mit ihm), auf der vierten Ebene auf Idris (Friede sei mit ihm), auf der fünften Ebene auf Aaron (Friede sei mit ihm), auf der sechsten Ebene den Propheten Moses (Friede sei mit ihm) und auf der siebten Ebene den Propheten Abraham (Friede sei mit ihm). Jeder Prophet empfing unseren Propheten (Friede und Segen seien auf ihm) und bestätigte damit dessen Prophezeiung.
Sidrat al-Muntaha und die göttliche Gegenwart
Unser Prophet (s.a.v.), der Sidrat al-Muntaha– den äußersten Punkt, an dem das Wissen der Geschöpfe endet – erreicht hatte, wurde von dort aus mit einem grünen und leuchtenden Gefährt namens Refref bis zum Arsch emporgehoben. Bei dieser Begegnung mit Allah dem Allmächtigen, die ohne jeglichen Vermittler stattfand, wandte sich unser Herr (s.a.v.) mit folgenden Worten an seinen Herrn:
التَّحِيَّاتُ لِلَّهِ وَالصَّلَوَاتُ وَالطَّيِّبَاتُAussprache: „Et-tahiyyâtü lillâhi ve’s-salavâtü ve’t-tayyibât.“
Übersetzung: „Alle Gebete, gottesdienstlichen Handlungen und guten Taten gehören Allah.“
Das größte Geschenk des Miraç-Kandils: Die fünf täglichen Gebete
Das größte Geschenk, das der Umma des Propheten Mohammed in der Nacht des Mi’raj zuteilwurde, sind die fünf täglichen Gebete. Das Gebet, das in der Gegenwart Gottes zunächst als fünfzigmalige Pflicht festgelegt worden war, wurde auf Anraten von Moses (Friede sei mit ihm) und nach mehrmaligen Bitten unseres Propheten (Friede und Segen seien auf ihm) auf fünfmal reduziert. Allah der Allmächtige hat diese Erleichterung wie folgt verkündet:
„Ich habe die Last, die ich meinen Dienern auferlegt habe, erleichtert; ich werde ihre gottesdienstlichen Handlungen und ihre guten Taten zehnfach belohnen.“
Aus diesem Grund bringt das fünfmalige Gebet den Lohn von fünfzig Gebeten mit sich. Islamische Gelehrte bezeichnen das Gebet als „den Mi’raj des Gläubigen“, denn das Gebet ist der Moment, in dem der Gläubige Allah am nächsten ist. Der Mi’raj-Kandil ist in diesem Sinne eine einzigartige Gelegenheit, sich den Wert des Gebets erneut ins Gedächtnis zu rufen.
Welche Andachtshandlungen werden am Miraç-Kandil durchgeführt?
Zu den wichtigsten gottesdienstlichen Handlungen, die in dieser gesegneten Nacht verrichtet werden können, gehören:
- Salât-ü Selam aussprechen: Die an unseren Propheten (s.a.v.) gerichteten Salawat sind ein Mittel zur Vergebung der Sünden und zur Erlangung seiner Fürsprache. Unser Prophet (s.a.v.) hat hierzu Folgendes gesagt: „Sprecht oft Salât-ü Selam für mich aus; die Salawat, die ihr aussprecht, sind ein Mittel zu eurer Vergebung.“
- Das Verrichten des Teheccüd-Gebets: Es wird überliefert, dass denjenigen, die das Nachtgebet regelmäßig verrichten, neun große Segnungen zuteilwerden – fünf in dieser Welt und vier im Jenseits: Schutz vor Unglück, strahlendes Gesicht, die Liebe der Gläubigen, eine erleichterte Rechenschaft und ein schneller Übergang über die Sirat gehören zu den wichtigsten davon.
- Den Heiligen Koran lesen: Insbesondere das dreimalige Lesen der Sure „Al-Ikhlas“ vor dem Schlafengehen ist von großem Verdienst; es wird überliefert, dass diese Handlung den gleichen Lohn einbringt, als hätte man den gesamten Koran durchgelesen.
- Reue und Bitte um Vergebung: Diese Nacht gilt als eine große Gelegenheit für eine aufrichtige „Nasuh-Reue“.
- Das Nachholen von Gebeten: Das Nachholen von Gebeten, die in früheren Zeiten versäumt wurden, ist eine Form der Andacht, die mit der spirituellen Atmosphäre dieser Nacht im Einklang steht.
- Das Rezitieren des Gebets nach dem Gebetsruf: Das Gebet, das nach jedem Gebetsruf rezitiert wird und in dem der Prophet (s.a.v.) um den Rang des „Vesile“ gebeten wird, wird in einem Hadith als eine Tat beschrieben, die seine Fürsprache zwingend erforderlich macht.
Gebete und Zikrs, die am Miraç-Kandil rezitiert werden sollen
Unter den Gebeten und Dhikrs, deren Rezitation in dieser gesegneten Nacht empfohlen wird, nehmen die Salawat einen besonderen Stellenwert ein. Nach den Überlieferungen islamischer Gelehrter kann insbesondere die folgende Salawat in dieser Nacht häufig rezitiert werden:
اللَّهُمَّ صَلِّ عَلَى مُحَمَّدٍ وَأَنْزِلْهُ الْمَنْزِلَ الْمُقَرَّبَ عِنْدَكَ يَوْمَ الْقِيَامَةِAussprache: „Allâhümme salli alâ Muhammedin ve enzilhü’l-menzile’l-mukarrebe indeke yevme’l-kıyâmeh.“
Übersetzung: „O Allah! Sende Segnungen und Frieden auf den Propheten Muhammad und gewähre ihm am Tag des Jüngsten Gerichts den Rang eines Mukarreb in Deiner Nähe.“
Außerdem wird überliefert, dass es Sunna ist, nach dem Aufwachen aus dem Schlaf folgende Dhikr zu rezitieren:
„Es gibt keinen Gott außer Allah, allein, ohne Partner; Ihm gehört die Herrschaft und Ihm gebührt das Lob, und Er ist über alle Dinge mächtig. Gepriesen sei Allah, und das Lob gebührt Allah, und es gibt keinen Gott außer Allah, und Allah ist der Größte …“
Die Vorzüge des Miraç-Kandil
Islamische Gelehrte haben die Miraç-Nacht als eine gesegnete Nacht mit zahlreichen Tugenden gewürdigt:
- Die frohe Botschaft der Fürsprache: Unser Prophet (s.a.v.) hat in dieser Nacht die Befugnis zur Fürsprache für die Erlösung seiner Umma erhalten. Es wird überliefert, dass jeder Gläubige, in dessen Herzen auch nur ein winziges Körnchen Glauben vorhanden ist, in den Genuss dieser Fürsprache kommen wird.
- Die Fülle der göttlichen Gnade: Islamische Gelehrte betonen, dass in dieser Nacht Gebete und Reuebekundungen erhört werden und den Gläubigen die göttliche Gnade in Fülle zuteilwird.
- Einblick in das Paradies und die Hölle: Unser Prophet (s.a.v.) hat auf dieser Reise die Wohltaten des Paradieses und die Zustände der Hölle mit eigenen Augen gesehen. Diese Schilderung enthält eine tiefgreifende Lehre für die Gläubigen.
- Der Titel „as-Siddīq“ des Propheten Abu Bakr: Als der Prophet Abu Bakr (r.a.) von der Miraj-Erzählung hörte, sagte er ohne zu zögern: „Wenn er es sagt, dann ist es mit Sicherheit wahr.“ Durch diese Bestätigung wurde ihm der Titel „as-Siddīq“ verliehen.
Zudem ist das Fasten im Monat Rajab mit großem Verdienst verbunden. Überlieferungen zufolge bringt ein Fastentag in diesem Monat den gleichen Lohn wie ein Jahr Fasten; wer sieben Tage fastet, dem verschließen sich die Tore der Hölle, und wer acht Tage fastet, dem öffnen sich die Tore des Paradieses.
Fand der Miraç im Schlaf oder im Wachzustand statt?
Die große Mehrheit der islamischen Gelehrten vertritt die Ansicht, dass der Mi’raj sowohl im wachen Zustand als auch mit Körper und Geist stattfand. Zu dieser Schlussfolgerung gelangt man auf der Grundlage des Ausdrucks „Er führte Seinen Diener“ aus der Sure al-Isra’ sowie authentischer Hadith-Überlieferungen. Zwar bieten die Überlieferungen von Sahaba wie Aisha und Ibn Abbas (möge Allah mit ihnen zufrieden sein) in dieser Frage unterschiedliche Perspektiven, doch herrscht allgemein die Auffassung vor, dass der Aufstieg des Körpers stattgefunden hat.
Häufig gestellte Fragen
An welchem Tag wird Miraç Kandili gefeiert?
Das Miraç-Fest wird in der Nacht vom 26. auf den 27. Recep, dem siebten Monat des islamischen Kalenders, begangen. Das entsprechende Datum im gregorianischen Kalender ändert sich jedes Jahr und wird nach dem islamischen Kalender berechnet.
Wird am Miraç-Kandil ein besonderes Gebet verrichtet?
Für ein spezielles Gebet mit einer bestimmten Anzahl von Rak’at, das unter dem Namen „Miraç-Gebet“ bekannt ist, gibt es in der Sunna keine Grundlage. Der beste Weg, diese Nacht sinnvoll zu nutzen, besteht darin, Teheccüd- und Nafile-Gebete zu verrichten, versäumte Gebete nachzuholen, den Koran zu lesen sowie Salawat und Zikr zu verrichten.
Fand der Miraç mit dem Körper oder mit der Seele statt?
Die große Mehrheit der islamischen Gelehrten vertritt die Ansicht, dass der Mi’raj sowohl im wachen Zustand als auch mit Körper und Geist stattfand. Zu dieser Schlussfolgerung gelangte man auf der Grundlage des Ausdrucks „Er führte Seinen Diener“ aus der Sure al-Isra’ sowie authentischer Hadith-Überlieferungen.
Quellen
- Dürretü’n-Nasihin (Osmanzâde Hüseyin Vassâf) – Abschnitt „Moral, Geschichten und das Jenseits“, 31. Predigt (Mi’raj)
- Dürretü’n-Nasihin – Kapitel „Ramadan, Kandil und grundlegende Gottesdienste“
- Der Heilige Koran, Sure al-Isra (17/1); Sure an-Najm (53/1–18)
- Sahih al-Bukhari, Kapitel „Gebet“ und „Glaube“